Vorgeschlagen für den Vincent-Preis - der Horror-Award 2010

Preisträger beim Kreativ-Wettbewerb Barmen, du bist so schön! der SPD Wuppertal-Barmen am 22. August 2015


Das unerbittliche Haus


 

Das Haus, unerbittlich
die Pein unausweichlich 

geh nicht hinein
wirst es bereuen 

die Tür unverschlossen
auch das Dach ist offen 

doch lass dich nicht rufen
verlasse die Stufen

kehr um und flieh
Glück gibt’s hier nie



Das unerbittliche Haus
Heckinghauser Straße 201
Erzählung

Hierreth Verlag, Janine Hierreth, Goldbach, Juli 2010
Cover: Angelika Pauly
ISBN 978-3-941455-23-8, 147 Seiten, 9,90 €

Juli 2010, erhältlich im Buchhandel 



Intensionen der Künstlerin Gaby Hylla beim Lesen des Buches mit vielem Dank für die Genehmigung
zum Darstellen der Grafiken (bitte auf die Bilder klicken, neue Fenster öffnen sich):


Sternenkind

Sternenkind

Sternenkind

Wurzeln

Rezension
von Dr. Dr. Christine Michelfeit, Präsidentin der Gesellschaft der Lyrikfreunde Innsbruck

Das Coverfoto- ein offensichtlich zerbombtes Haus- lässt auf eine Erzählung über das Schicksal dieses Hauses und seiner Bewohner schließen, aber das würde Angelika Pauly nicht genügen...

Es wird zum Ausgangspunkt von phantastischen Geschichten, die sich hier abspielen und die die Realität so lange auf den Kopf stellen, bis das Haus für immer aus der Welt verschwindet.  Aber vorher kennt es keine Gnade, es spielt mit den Menschen, so wie es ihm gerade passt.

Das Haus, unerbittlich
die Pein unausweichlich 

Geh nicht hinein
wirst es bereuen 

Die Tür unverschlossen
auch das Dach ist offen

Doch lass dich nicht rufen
verlasse die Stufen 

Kehr um und flieh
Glück gibt’s hier nie

 

Bis zum dritten Stockwerk scheint es ein ganz normales Haus zu sein, mit Geschäften und Mietern und einem Hausmeister, der den ganzen Tag mit Fegen beschäftigt ist, aber ab dem dritten Stockwerk wird es unheimlich - dichter Nebel verhindert die Sicht nach oben, das Dach ist offen, und wer einmal versucht, die Treppen hinaufzusteigen, kommt nicht mehr zurück. Menschen verschwinden in den Wänden, dann lösen sich die Wände wieder auf, Türen öffnen sich und führen in Korridore, die  im Nichts enden. Leere Wohnungen werden von Malern ständig weiß gestrichen, doch ihre Arbeit wird nie vollendet. Farbe und Pinsel erstarren und mit ihnen die Anstreicher selbst. Es passieren die schauderhaftesten Dinge, Glaser und Dachdecker stürzen ab, Menschen brechen zusammen, die Rettung hat Hocheinsatz. Aber es trifft immer nur Einzelpersonen, für andere geht das Leben seinen normalen Gang weiter, soweit man von einem normalen Gang in einem Haus überhaupt reden kann, das auf einmal Füße bekommt und davon wandert, dann wieder in die Lüfte entschwebt, um in einem tiefen Loch zu versinken. Aber keine Angst, es baut sich alleine wieder auf und alles bleibt beim Alten, bis auf den Haumeister in seinem Graukittel, der manchmal ausgetauscht wird, aber das bemerkt kaum jemand. Jeder ist mit sich selbst beschäftigt, nur die Zeit spielt manchmal nicht mit. Uhren gehen vor und rückwärts, aus der Vergangenheit tauchen längst verstorbene Personen wieder auf und verschwinden in der geheimnisvollen obersten Etage, während es das Haus immer bunter treibt. Es stellt sich auf den Kopf, verwandelt Hitze in Kälte, aus schwarz wird weiß und umgekehrt. Doch dann kommt das Ende, das Haus bricht endgültig zusammen und begräbt zwei bis dreihundert Menschen unter sich.

Erinnerungen an eine Bombennacht? Die Interpretation drängt sich unwillkürlich auf, bestärkt durch die Widmung der Autorin, die „den Bewohnern des Hauses Heckinghauser Straße 201  - den Lebenden und den Toten“ - gilt.

Angelika Pauly versteht es meisterhaft, mit ihren skurrilen Geschichten Spannung aufzubauen, ihre Phantasie kennt keine Grenzen, ist einfach so mitreißend, dass der Leser am Ende bedauert, dass das Haus sein eigenes Grab gefunden hat und damit jede Erinnerung an seine Existenz und an die seiner Bewohner gelöscht wurde.

Christine Michelfeit


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