Gold-Edition


Der goldene Herr I.

Der goldene Herr I.
Erzählung, Herr I., erweiterte Auflage
Hierreth Verlag, Janine Hierreth, Goldbach, August 2010
Covergrafik: Anika Brunn, Covergestaltung: Angelika Pauly
ISBN 978-3-941455-24-5, 151 Seiten, 9,90 €
August 2010, erhältlich im Buchhandel 


Möglicherweise färbte das goldene Zigarettenetui ab, das sein Chef ihm entgegenhielt, oder es kam von der Hitze des ungewöhnlich warmen Spätsommertages, der seinen Ehering schmelzen ließ. Vielleicht aber waren es auch die Sonnenstrahlen, die erst sein Gesicht und dann seinen ganzen Körper golden färbten und ihn dann durchdrangen, so dass sein Gewebe mit dem edlen Metall durchzogen wurde. Jedenfalls gegen 15 Uhr begann Herr I. zu glänzen, zu reflektieren, zu schimmern und zu scheinen. Er zauberte ein kugelrundes Funkeln auf das lackierte Holz seines Schreibtisches und ließ das Glas seines Bürofensters blitzen. Haben Sie schon einmal den Boden unter den Füßen verloren? Ja? Dann ging es Ihnen so wie Herrn I., nur dass sich unter ihm wirklich der Boden Stück für Stück öffnete. Kennen Sie das Gefühl der Zerrissenheit? Ebenso wie Herr I.? Nun, ihn zerriss es tatsächlich, Finger für Finger, Bein für Bein und schließlich zog sich ein Riss durch seinen Brustkorb. Sind Sie schon einmal aus sich herausgegangen? War es schön für Sie, waren Sie der Partylöwe? Nicht so Herr I., denn er fand nicht mehr in sich hinein und steht seither außerhalb. Gleiten manchmal Bemerkungen an Ihnen ab? Ach, haben Sie auch so eine Ölhaut wie Herr I., an denen Buchstaben und Worte einfach herunterrutschen? Sind Sie schon einmal geröntgt worden? Natürlich, meinen Sie. Aber wurden Sie danach auch am ganzen Körper durchsichtig und konnten Ihre Knochen betrachten?Wenn Sie noch nicht genug haben, dann lesen Sie, wie für Herrn I. alles Runde eckig wird, die Erde zu einer Scheibe, sich Ursache und Wirkung aufheben, Antworten vor den Fragen kommen und Häuser auf ihren Dächern stehen.


Rezension
von Dr. Dr. Christine Michelfeit, Präsidentin der Gesellschaft der Lyrikfreunde Innsbruck

Kurzgeschichten um Herrn I.  --? ahnungslos schlägt der Leser das neue Buch von 
Angelika Pauly auf und ist schon mitten drin im Bereich der phantastischen Literatur, 
packend, einfallsreich und  intelligent geschrieben. Doch, wer ist dieser  Herr I. überhaupt?
Die Autorin lässt ihn erst ein paar Mal auf skurrile Weise sterben, bis sie ihn endlich auf 
Seite 20 vorstellt:

Wer ist Herr I.?

Kein Mensch weiß das

Wie sieht er aus?

Klein, untersetzt, schütteres, dunkelblondes Haar.

Wasserblaue Augen

………

………

Ist er ein wichtiger Mensch?

Er ist  die Hauptperson in Herrn I.’s  Geschichten,
allerdings für seine Welt verzichtbar, was ihn auch sehr bekümmert

Was ist das Besondere an Herrn I.?

Er hat viele Leben, stirbt aber fast in jeder Geschichte

Herr I. könnte  eine Art Jedermann sein. Ein kleiner Büroangestellter, der  täglich mit 
einer Thermoskanne voll Tee und eingepackten Butterbroten in sein Büro zu netten 
Kollegen und einem weniger netten Chef geht, abends zu seiner Frau heimkehrt, nicht 
ohne vorher in seiner Lieblingsbäckerei sein Lieblingsgebäck zu „ordern“. Und doch 
lebt er daneben in einer Zwischenwelt, die ihn einem Albtraum gleich in die seltsamsten 
Zustände versetzt, sich seines Körpers und seines Geistes bemächtigt, um ihn letztendlich 
aufzulösen und verschwinden zu lassen -

Die Spielarten seiner Abenteuer sind verschieden, aber was immer auch passiert, ob er 
seine Glieder verliert, zu Eis erstarrt, verstummt, verbrennt oder sich in Wasser verwandelt, 
er taucht wieder auf um erneut am Operationstisch einer Klinik oder in einem eckigen 
Sarg sein Dasein zu beenden. Man diagnostiziert nie gehörte Krankheiten wie Augentorsion 
(Der Kranke blickt statt nach außen in seinen Körper hinein, sieht Gedärme und Knochen) 
oder eine Farbenapokalypse (Er zieht  aus allem, was er berührt, das Schwarze heraus  
und wird selbst immer schwärzer). Herr I. setzt aber auch Redewendungen in die Realität 
um, verliert „den Boden unter den Füßen“ (versinkt tatsächlich in der Erde), “geht aus sich 
heraus“ und steht neben seiner eigenen Person:

…das passiert alles
nicht wirklich mir. 
Ich bin nicht dort
bin hier….

Nur einmal lässt sich die Autorin nicht von ihrer Phantasie inspirieren, sondern konfrontiert 
Herrn I. urplötzlich mit einem der dunkelsten Kapitel der neueren Geschichte…(Hiroshima 
mon amour)…Herr I. erhält den Befehl zu tötendazu wurde er ja ausgebildet, jetzt ist es 
wirklich so weit….“Am Ort angekommen lag seine Uniform schon bereit, die ihm die 
Verantwortung abnahm, das Gewissen und die Menschlichkeit“.
Seither kann er nicht mehr schlafen…jetzt steht er nicht mehr neben sich, sondern wird 
zum Menschen, der mit einer Schuld leben muss, auch wenn er nur Befehlsempfänger war.

Trotz dieser zeitkritischen Episode, die wie ein dunkler Vorhang vorübergehend zwischen 
die Seiten fällt, ist es ein köstliches Buch, geistreich, witzig und originell.

Christine Michelfeit


Die Texte aus diesem Buch: "Als Herr I. die Worte verlor" und "Der Befehl des Herrn I."
sind Preisträger beim Literaturwettbewerb:
"Die Literatouren 2007-2008 Kosmopolitania SaarLorLux II"
der Literatur-Zeitschrift "Die Brücke" (Forum für antirassistische Politik und Kultur)


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