Herr I.

Herr I.

Richmond-Verlag, Inh. Hellmut Schmidt,
17.5.2008, Schließung des Verlages
Titelgrafik: Gabriele Merl
Softcover, 116 Seiten
1
 Auflage, Mai 2007
ISBN 978-3-9811260-6-8, 9,80 €
nicht mehr lieferbar, Rest-Exemplare bei mir erhältlich
       

Haben Sie schon einmal den Boden 
unter den Füßen verloren? Ja? 
Dann ging es Ihnen so wie Herrn I., 
nur dass sich unter ihm wirklich 
der Boden Stück für Stück öffnete.
Kennen Sie das Gefühl der Zerrissenheit? 
Ebenso wie Herr I.? 
Nun, ihn zerriss es tatsächlich, 
Finger für Finger, Bein für Bein 
und schließlich zog sich ein Riss durch seinen Brustkorb.
Sind Sie schon einmal aus sich herausgegangen? 
War es schön für Sie, 
waren Sie der Partylöwe? 
Nicht so Herr I., denn er fand nicht mehr in sich hinein 
und steht seither außerhalb.
Gleiten manchmal Bemerkungen an Ihnen ab? 
Ach, haben Sie auch so eine Ölhaut wie Herr I., 
an denen Buchstaben und Worte einfach herunterrutschen?
Sind Sie schon einmal geröntgt worden? 
Natürlich, meinen Sie. 
Aber wurden Sie danach auch am ganzen Körper durchsichtig 
und konnten Ihre Knochen betrachten?
Wenn Sie noch nicht genug haben, 
dann lesen Sie, wie für Herrn I. alles Runde eckig wird, 
die Erde zu einer Scheibe, 
sich Ursache und Wirkung aufheben, 
Fragen vor den Antworten kommen 
und Häuser auf ihren Dächern stehen.


Rezension
von Dr. Dr. Christine Michelfeit, Präsidentin der Gesellschaft der Lyrikfreunde Innsbruck

Kurzgeschichten um Herrn I.  --? ahnungslos schlägt der Leser das neue Buch von 
Angelika Pauly auf und ist schon mitten drin im Bereich der phantastischen Literatur, 
packend, einfallsreich und  intelligent geschrieben. Doch, wer ist dieser  Herr I. überhaupt?
Die Autorin lässt ihn erst ein paar Mal auf skurrile Weise sterben, bis sie ihn endlich auf 
Seite 20 vorstellt:

Wer ist Herr I.?

Kein Mensch weiß das

Wie sieht er aus?

Klein, untersetzt, schütteres, dunkelblondes Haar.

Wasserblaue Augen

………

………

Ist er ein wichtiger Mensch?

Er ist  die Hauptperson in Herrn I.’s  Geschichten,
allerdings für seine Welt verzichtbar, was ihn auch sehr bekümmert

Was ist das Besondere an Herrn I.?

Er hat viele Leben, stirbt aber fast in jeder Geschichte

Herr I. könnte  eine Art Jedermann sein. Ein kleiner Büroangestellter, der  täglich mit 
einer Thermoskanne voll Tee und eingepackten Butterbroten in sein Büro zu netten 
Kollegen und einem weniger netten Chef geht, abends zu seiner Frau heimkehrt, nicht 
ohne vorher in seiner Lieblingsbäckerei sein Lieblingsgebäck zu „ordern“. Und doch 
lebt er daneben in einer Zwischenwelt, die ihn einem Albtraum gleich in die seltsamsten 
Zustände versetzt, sich seines Körpers und seines Geistes bemächtigt, um ihn letztendlich 
aufzulösen und verschwinden zu lassen -

Die Spielarten seiner Abenteuer sind verschieden, aber was immer auch passiert, ob er 
seine Glieder verliert, zu Eis erstarrt, verstummt, verbrennt oder sich in Wasser verwandelt, 
er taucht wieder auf um erneut am Operationstisch einer Klinik oder in einem eckigen 
Sarg sein Dasein zu beenden. Man diagnostiziert nie gehörte Krankheiten wie Augentorsion 
(Der Kranke blickt statt nach außen in seinen Körper hinein, sieht Gedärme und Knochen) 
oder eine Farbenapokalypse (Er zieht  aus allem, was er berührt, das Schwarze heraus  
und wird selbst immer schwärzer). Herr I. setzt aber auch Redewendungen in die Realität 
um, verliert „den Boden unter den Füßen“ (versinkt tatsächlich in der Erde), “geht aus sich 
heraus“ und steht neben seiner eigenen Person:

…das passiert alles
nicht wirklich mir. 
Ich bin nicht dort
bin hier….

Nur einmal lässt sich die Autorin nicht von ihrer Phantasie inspirieren, sondern konfrontiert 
Herrn I. urplötzlich mit einem der dunkelsten Kapitel der neueren Geschichte…(Hiroshima 
mon amour)…Herr I. erhält den Befehl zu tötendazu wurde er ja ausgebildet, jetzt ist es 
wirklich so weit….“Am Ort angekommen lag seine Uniform schon bereit, die ihm die 
Verantwortung abnahm, das Gewissen und die Menschlichkeit“.
Seither kann er nicht mehr schlafen…jetzt steht er nicht mehr neben sich, sondern wird 
zum Menschen, der mit einer Schuld leben muss, auch wenn er nur Befehlsempfänger war.

Trotz dieser zeitkritischen Episode, die wie ein dunkler Vorhang vorübergehend zwischen 
die Seiten fällt, ist es ein köstliches Buch, geistreich, witzig und originell.

Die Titelgrafik von Gabriele Merl zeigt den unfreiwilligen Helden auf einer Insel im 
Weltraum, über den Sternen schwebend, immer weiter auf der Suche…

Christine Michelfeit


Die Texte aus diesem Buch: "Als Herr I. die Worte verlor" und "Der Befehl des Herrn I."
sind Preisträger beim Literaturwettbewerb
"Die Literatouren 2007-2008 Kosmopolitania SaarLorLux II"
der Literatur-Zeitschrift "Die Brücke"
(Forum für antirassistische Politik und Kultur)


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