Kieselsteine - ein Lebensbuch

Kieselsteine
Ein Lebensbuch

Titelblatt und Grafiken von Marion Hallbauer
Geest-Verlag, Vechta, ISBN 3-937844-03-1, März 2004
156 Seiten, 10 €

erhältlich im Buchhandel oder direkt beim Geest-Verlag

Klappentext von Alfred Büngen, Verlagsleiter Geest-Verlag:

Eindringlich, Spuren hinterlassend, mich an eigene Situationen meiner Kindheit erinnernd, 
ich mußte weiterlesen, konnte nicht ablassen - erste Reaktionen auf das Buch von Angelika Pauly. 
Ein Lebensbuch von besonderer Wichtigkeit. Die Autorin ist Borderlinerin, so die ärztliche Diagnose. 
Zudem verliert sie ihren Shn durch Selbstmord. Das Buch verharrt aber nicht auf der Ebene des 
persönlichen Lebensschicksals, greift vielmehr weiter, jede Zeile des Buches geht uns alle an. 
Die Kieselsteine ihres Lebens gleichen den unseren, Bedrohungen, Freuden, Beziehungen, Schule, 
Beruf, Familie, Scheitern und erkämpfter Erfolg. Und irgendwann der Zusammenbruch, neuer und 
immer wieder neuer Kampf, Ärzte, Therapeuten, Therapien, neue Therapien, der Selbstmord des 
Sohnes, die Gespräche mit dem Toten.
Auch sprachlich sicherlich eines der aufrüttelsten Bücher, die man augenblicklich lesen kann.

Eine Krankheit und ihre Schatten: Das Buch "Kieselsteine" von Angelika Pauly

Von Manfred Görges (Westdeutsche Zeitung)

"Ein Lebensbuch" untertitelt die Autorin Angelika Pauly ihre "Kieselsteine", die jüngst im Geest-Verlag erschienen
sind. Ein solches Buch ist es in zweifacher Hinsicht: Rückblick und Appell für den Kampf um das Leben, das
Pauly schwere Schicksalsschläge bereitet hat. Sie selbst erkrankte an der Borderline-Persönlichkeitsstörung,
ihren Sohn verlor sie durch Suizid.
Das Buch ist keine Erzählung im eigentlichen Sinne, vielmehr eine Sammlung von Schlaglichtern, eben von
Kieselsteinen des Lebens, die teils gedichthaft verschlüsselt erscheinen. Tatsächlich schreibt Pauly vorwiegend
Poesie, die bereits in vielen Anthologien publiziert wurde.
Die Autorin unternimmt nicht den Versuch, dem Laien ihre Erkrankung zu erklären, was außerhalb eines
einer Fachpublikation ein schwieriges Unterfangen wäre. Wer etwa das populärwissenschaftliche Buch "Ich
hasse Dich, verlass mich nicht" liest, der wird gar viele Borderline-Symptome beinsich selbst entdecken, mithin
in die Irre geführt. Pauly belässt es bei ihren "Kieselsteinen": "Kaum Zugang zu den eigenen Gefühlen haben,
verkannte ich die Gefühle meiner Freundin."
Die Unfähigkeit, Emotionen zu werten und zu kanalisieren, ist typisch für den Borderliner, dem es auch schwer 
fällt, Beziehungen zu pflegen. Unbeabsichtigt fügt er anderen und damit sich selbst Leid zu - übrigens oft auch
körperliches. Mit ihren Schlaglichtern ertastet Pauly den Weg zu dieser leidvollen Störung, die bei Therapeuten
als schwer behandelbar gilt. Ihr eigener Suizidversuch als Teenager enträtselt sich weder aus
Kindheitserlebnissen noch aus Lebensproblemen, sondern erscheint wie ein Experiment. Erst danach treten
weitere Symptome der Krankheit auf. Ängste, die bis zur Handlungsunfähigkeit führen, sucht sie mit der Liebe
zu ihren Kindern aufzuwiegen. Mit dem Freitod ihres Sohnes belastet das Schicksal auch diesen Versuch des
Entrinnens. Dass Pauly heute das Einfühlungsvermögen besitzt, ihre Leser im Mark zu erschüttern, genau
damit also über den Schatten ihrer Krankheit springt, sollte anderen Betroffenen ein Trost sein. Doch nicht
nur ihnen sei das Buch empfohlen, das sich vielmehr gerade mit dem abschließenden "Dialog mit einem
Toten" als genereller Fingerzeig für das Leben erweist.


Rezension von Christiane Tilly, Bünde

Die Autorin erzählt ein Leben in Dekaden. Ihr Leben. Indem sie über 250 Einzelsituationen aus ihrer
Lebensgeschichte schlaglichtartig beleuchtet, beschreibt sie nicht nur ihre persönlichen Erfahrungen
sondern zeichnet auch ein Bild von der Gesellschaft der 50er Jahre des letzten Jahrhunderts bis zur
Gegenwart.
Angelika Pauly lädt die Leser ein, ihr in die Phantasiewelt des Kindes – das sie war – zu folgen.
So beispielsweise in einen winzigen Garten ihrer Träume, in dem sich nur ein kleines Mädchen zu
bewegen vermag, das einen Kiesweg entlang läuft. Sie lässt den Leser teilhaben an ihrem Besuch auf
einem Friedhof mit weißen Kieselsteinen auf den Gräbern. Zuletzt beschreibt sie einen kleinen Garten
mit einem Marmorstein in Herzform und Blumen, vor denen Kieselsteine liegen– in dem gerade genug
Platz für eine erwachsene Frau ist. Sie nennt ihn ihr „Garten-Grab“. Es ist das Grab ihres eigenen Sohnes.
Die Reihung der biografischen Erfahrungen scheint zunächst zufällig, doch beim Lesen ergeben sich
schnell Querverbindungen. So ziehen sich neben dem Motiv der Kieselsteine, die Motive der Angst und
der Zeit durch das gesamte Buch. Themen wie Kindheit, Ausbildung und Familie, Erfolge und Scheitern,
freudige Erlebnisse und Krisen sind Gegenstand der Autobiografie. Das Erzählte scheint eine
Gleichwertigkeit zu bekommen, die den Leser den aktuellen Moment als das Wichtigste erfassen lässt.
So verliert auch die ärztliche Diagnose Borderline – die die Autorin irgendwann bekommt – im Blick auf
die gesamte Lebensgeschichte ihre Dramatik. Sie bleibt ein Kieselstein in der Biografie, die eine Summe
einzelner Erfahrungen ist.
Angelika Pauly hat für das Erzählen ihrer Lebensgeschichte, eine Beobachterrolle gewählt die fast
durchgängig ohne Wertung auskommt und in der jeweils der Anteil ihrer Selbst zu berichten scheint,
der das Alter der entsprechenden Dekade repräsentiert.
Das Buch ist spannend zu lesen. Durch die Aufteilung in kurze Abschnitte, entsteht beim Leser eine
Neugier auf den jeweils nächsten Abschnitt. Ein lesenswertes Buch für alle, die nicht nur gerne
Autobiografien lesen, sondern sich durch die Lektüre auch anregen lassen wollen, über die eigene
Geschichte nachzudenken.

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