Trag mich durch die Nacht


Hierreth Verlag, Janine Hierreth, Goldbach, August 2010
Covergrafik: Anika Brunn, Covergestaltung: Angelika Pauly
ISBN 978-3-941455-25-2, erhältlich im Buchhandel
August 2010,
60 Seiten, 9,90






Trag mich durch die Nacht
bat ich die Rose,
als ich erwachte, sah ich,
dass ich auf einem Löwenzahnblatt lag

Hüte meinen Schlaf
bat ich den Mond,
als ich erwachte, sah ich,
dass ich auf der nackten Erde ruhte

Geh mir aus der Sonne
sagte ich dem Unglück,
als ich mich umschaute, sah ich,
dass ich in seinem Schatten stand

Hüte meine Kinder
bat ich das Schicksal,
als ich es anblickte,
wandte es sich ab und weinte

Begleite mich durch den Tag
bat ich die Liebe,
am Abend sah ich,
dass ein Herz neben meinem lag

Hilf mir durch das Leben
bat ich Gott,
als ich alt war, sah ich,
dass ich in seinen Händen lag…

                       

Rezension
von Dr. Dr. Christine Michelfeit, Präsidentin der Gesellschaft der Lyrikfreunde Innsbruck

Die schlichte Widmung „ für Kai“, das Titelbild - Rosenblätter, die aus der Hand gleiten - deuten bereits an, dass Angelika Pauly versucht, sich in ihren Gedichten von ihrem Schmerz um ihren verlorenen Sohn zu lösen. 

 Ich seh’ dich durch den Garten gehen
so jung und voller Leben
schaust dich nicht um und bleibst nicht stehen
ich rufe dich vergebens

Der erste Teil des Lyrikbandes ist geprägt von Trauer und Schmerz, von Erinnerungen und Sehnsucht, der Suche nach Trost. Pauly durchläuft ihr Leben, ihre „geheime Schatzkamme“,  sieht sich noch einmal als „Mutter, jung mit Kinderglück, das Unglück kam erst später“

Doch dann holt sie die Gegenwart, der Alltag wieder ein, der auch humorvolle Seiten hat und so manches „Vergnügliches“ aus ihrer Feder fließen lässt. Der Herbst mit seinen bunten Farben und Früchten inspiriert sie zu malerischen Bildern, farbigen Wortschöpfungen:

auf den Kopf ein Früchteteller
Äpfel, Birnen und Maronen
an den Ohren häng ich Trauben
rote, weiße Frucht-Kreolen

Keine Spur von Traurigkeit mehr. Pauly, voll Lebensfreude, wird selbst „vom Herbst das Kind“, badet sich in seinen Farben. Heiter und mit Selbstironie schildert sie das Warten des Dichters auf sein Buch oder die Probleme des Mathematikers, der mit seinen Formeln nicht zurechtkommt.

Gedichte über Kinder leiten über zu dem Kapitel „Nachdenkliches“ und hier ändert sich auch Paulys Stil, die bisher gereimten Verse lösen sich immer mehr auf - die Gedanken lassen sich nicht mehr einengen und fließen frei dahin, gleiten zurück in die Vergangenheit, in Kindheit, in das kleine Glück von damals:

Heimweg,
vorbei an einem kleinen Laden,
Kinderdurst, Sommerdurst,
abgepacktes  Eis in der Tüte,
der Geschmack von Orange und
Zitrone…….
weht mit dem Papier die Straße
hinunter,
bleibt im Graben liegen
erhält das kleine Glück über alle Jahre.

 Im letzten Teil schließt Pauly den über die Zeiten gespannten Bogen, ist wieder am Anfang und bekennt, dass sie einfach schreiben muss, um ihrem toten Kind nahe zu sein, um mit ihm noch einmal  reden, lachen und weinen zu können.

Und so entstanden diese, mit dem Herzen durchlebten Gedichte, die Zärtlichkeit, Trost und Berührung vermitteln. Worte, die man nicht vergessen kann.

Christine Michelfeit

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